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nzz.ch, September 14, 2011

Die Fixer sind älter geworden

Ein Besuch in der Kontakt- und Anlaufstelle beim Zürcher Bahnhof Selnau
 
Vor zwanzig Jahren waren Fixerräume heftig umstritten – heute sind sie eine Selbstverständlichkeit. In den vier Kontakt- und Anlaufstellen der Stadt Zürich können Drogenabhängige unter hygienischen Bedingungen ihren Stoff konsumieren.

Im Aufenthaltsraum sitzen ein halbes Dutzend Frauen und Männer an langen Tischen, blättern in Zeitungen, streichen Frühstücksbrote oder trinken Kaffee. Ständig kommt jemand Neues hinein, oder es verlässt jemand den Raum. Manch einer sieht nicht ganz taufrisch aus und schlurft über die Türschwelle, viele haben einen Hund an der Leine. Morgens um zehn Uhr herrscht in der Kontakt- und Anlaufstelle an der Zürcher Selnaustrasse rege Betriebsamkeit.
 
Viel Rauch im Fumoir 

Ein richtiges Gedränge gibt es im Raum gleich neben der grossen Theke, an der Getränke ausgeschenkt werden. Darin befindet sich das Fumoir, wo Zigaretten geraucht werden dürfen. Nicht nur deswegen, sondern auch weil es vom Personal nur über Blickkontakt durch ein Fenster in der Türe überwacht wird, ist das Fumoir bei den Klienten beliebt. Als der Lärmpegel in diesem Raum allerdings ansteigt und sich immer mehr Männer und Frauen darin aufhalten, schreitet eine Mitarbeiterin ein. Resolut fordert sie die Anwesenden auf, Platz zu machen für die Nächsten und das Fumoir auch einmal wieder zu verlassen.
 
Die Kontakt- und Anlaufstelle beim Bahnhof Selnau ist eine von vier gleichartigen Einrichtungen in der Stadt Zürich. Die drei anderen K+A, wie die zum Sozialdepartement gehörenden Anlaufstellen genannt werden, befinden sich bei der Kaserne, in Oerlikon und in der Brunau. Die Betriebe sind gestaffelt offen, damit sich die Nutzer möglichst auf die verschiedenen Quartiere verteilen und die Belastung für die Nachbarschaft in Grenzen gehalten wird. Das Angebot der K+A richtet sich ausschliesslich an über 18-jährige Drogenkonsumenten mit Wohnsitz in der Stadt Zürich. Auswärtige werden am Eingang abgewiesen.
 
Durchschnittsalter über 40 

Ein Blick in die Runde in der K+A an der Selnaustrasse zeigt, dass die Fixer in die Jahre gekommen sind. Bei den Drogenabhängigen, die sich hier aufhalten, handelt es sich nicht mehr um jene jungen, ausgemergelten Gestalten, die noch vor zwanzig Jahren das Strassenbild mancher Stadtquartiere prägten. Es sind im Gegenteil auffallend viele mittelalterliche oder gar ältere Frauen und Männer mit angegrauten Haaren zu sehen. Michael Herzig, Bereichsleiter Sucht und Drogen beim Sozialdepartement, bestätigt diesen Eindruck. Das Durchschnittsalter der Klienten in den K+A liege heute bei über 40 Jahren. 1993, ein Jahr nach der Eröffnung des ersten Fixerraumes in der Stadt Zürich, betrug es 28,2 Jahre.
 
Daraus schliesst Herzig, dass die Zahl der Neueinsteiger bei den «klassischen» Fixern und Abhängigen, die Heroin, Kokain oder Benzodiazepine injizieren, rauchen oder sniffen, rückläufig ist. Jüngere Konsumenten bevorzugten eher Party- oder Designerdrogen. Das gleiche Bild vermittelt laut Herzig ein Blick in die Spritzen-Statistik: In der Zeit der offenen Drogenszene am Letten Anfang der 1990er Jahre seien in Zürich täglich rund 16 000 Spritzen abgegeben worden; heute seien es noch gut 2000. Herzig weist darauf hin, dass sich nicht nur das Alter der Klienten in den K+A, sondern auch ihr Zustand verändert habe: Sie seien gesünder und integrierter, was sich daran zeige, dass der Anteil der Obdachlosen gesunken und jener der Arbeitstätigen gestiegen sei.
 
Das erste Fixerstübli in der Schweiz war vor 25 Jahren in Bern eröffnet worden. Die Stadt Zürich zog 1992 mit der Eröffnung der ersten Gassenzimmer oder Fixerräume nach. Diese waren damals politisch stark umstritten; heute gehören die Kontakt- und Anlaufstellen ganz selbstverständlich zum Angebot der Stadt. Die Aufgaben der Mitarbeitenden haben sich in dieser Zeit verändert, wie Herzig sagt. Früher sei es in erster Linie um Überlebenshilfe gegangen, weil die Klienten gesundheitlich stärker angeschlagen gewesen seien. Heute führten die Sozialarbeiter mehr Beratungsgespräche, die gezielt auf langfristige Verbesserungen abzielten: etwa auf Schuldensanierungen oder auf einen kontrollierten Drogenkonsum.
 
Sozialer Austausch 

Das Herzstück der Kontakt- und Anlaufstellen sind aber die Räume, in denen Drogen geraucht oder injiziert werden: Im «Raucherraum» finden gleichzeitig 11 Personen Platz, die beispielsweise Heroin auf Folien rauchen; im «IV-Raum» sind es deren 6. Überwacht wird das Geschehen von einer Mitarbeiterin, die, vom «Raucherraum» durch eine Glasscheibe getrennt, an einem Tisch sitzt. In Griffnähe hat sie alle medizinischen Utensilien, die bei einem Notfall, etwa einer Überdosis, zum Einsatz kämen. Die Aufenthaltszeit in den Konsumräumen ist auf eine halbe Stunde beschränkt. Wer in den «IV-Raum» will, um sich die Droge intravenös zu spritzen, fasst an einer Theke eine Metallschale, in der unter anderem eine Spritze, ein Löffel und ein Pflästerchen ausgehändigt werden.
 
Ein Blick in diese Konsumräume erschliesst dann auch die soziale Bedeutung der K+A für die Klienten: Unter den Folienrauchern herrscht eine aufgeräumte Stimmung, es findet gerade eine angeregte Diskussion statt. Dass die gute Laune allerdings rasch ins Gegenteil kippen kann, ist sich das Personal bewusst – und es ist für diesen Fall mit Strategien zur Deeskalation gerüstet.
 
Kunst in der K+A Kaserne 

ekk. ⋅ Vom Donnerstag, 15., bis Freitag, 23. September, stellen Klientinnen und Klienten der Kontakt- und Anlaufstellen (K+A) und Randständige selbstgemalte Bilder aus. Die Schau in der K+A Kaserne an der Militärstrasse 3 ist jeweils von 18.30 bis 20.30 Uhr geöffnet; die Vernissage findet am Donnerstag, 15. September, ab 18 Uhr statt.

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